Übung 1

Ein einziges Wort reicht

Dieser Beitrag ist Teil meiner Reihe „Eine Woche achtsames Gedichtschreiben“ und vertieft das Thema auf praktische Weise. Die folgende Schreibübung ist als Ergänzung gedacht und hilft dir, das theoretische Wissen direkt umzusetzen.

Gleichzeitig ist dies eine Achtsamkeitsübung. Achtsames Schreiben schult deinen Blick auf das Hier und Jetzt. Es lenkt den Fokus auf Dinge, die dir sonst entgehen – vielleicht weil sie als selbstverständlich geachtet werden oder weil sie aufgrund der vielen Sinneseindrücke untergehen.

Bevor du mit dem Schreiben beginnst, nimm dir einen Moment Zeit, um anzukommen. Die folgende Achtsamkeitsübung hilft dir dabei.

Kurze Achtsamkeitsübung zum Ankommen
Setze dich bequem hin und schließe – wenn es sich für dich stimmig anfühlt – für einen Augenblick die Augen. Halte inne und spüre deinen Herzschlag, deinen Atem und die Unterlage auf der du sitzt. Atme drei Mal tief ein und aus. Atme dann ruhig weiter und spüre, wie der Atem kommt und geht, ohne ihn zu verändern.

Richte nun deine Aufmerksamkeit auf das, was gerade da ist:
Geräusche, Körperempfindungen, Gedanken.

Du musst nichts festhalten und nichts loslassen. Nimm es einfach nur wahr. Dein Atem bleibt währenddessen dein Verbündeter.

Wenn dir danach ist, öffne deine Augen und beginne zu schreiben.

Diese Achtsamkeitsübung kannst du immer durchführen, wenn du Kraft und innere Ausrichtung brauchst. Für das achtsame Schreiben unterstützt sie dich, um im Moment anzukommen.

Achtsames Schreiben bedeutet auch, einfach wann und wo du willst zu schreiben. Dafür brauchst du weder besonderes Papier noch ein Tagebuch oder einen schicken Stift. Das kannst du selbstverständlich für ein Ritual nutzen, allerdings bedeutet achtsam auch einfach. In dem Fall verabschiede dich ebenfalls von allen Zielvorstellungen und Erwartungshaltungen. Lass sie los und verbinde dich mit einer achtsamen inneren Haltung – die eines Anfängergeistes. Beim Schreiben steht am Anfang noch nicht fest, wohin der Text führen wird. Erlaube dir, nicht zu wissen, was entsteht, und bleibe offen für das, was sich dir zeigen möchte.

Beginnen wir nun mit deiner ersten Schreibübung.

Übung 1: Das Gedicht im Wort

Ein Gedicht kann bereits aus einem einzigen Wort entstehen. Für diese Übung brauchst du keine Vorkenntnisse, sondern lediglich Zeit und eine offene Wahrnehmung.

Schritt 1: Ein Wort wählen

Nimm dir einen Moment und wähle ein einzelnes Wort, das dich anspricht oder innerlich berührt. Das kann sich dir bereits während deiner Achtsamkeitsübung gezeigt haben. Vielleicht brauchst du aber auch noch einen Moment. Dein Wort kann ein Gefühl sein, ein Naturbegriff oder etwas ganz Alltägliches.

Beispiele: Stille, Sturm, Sehnsucht, Atem, Bernstein.

Vertraue deiner ersten Wahl. Sie ist meist die richtige.

Schritt 2: Assoziationen sammeln

Schreibe nun fünf Begriffe oder kurze Wortgruppen auf, die dir spontan zu diesem Wort einfallen.

Denke nicht lange nach und bewerte nichts. Es geht nicht um „schöne“ Worte, sondern um ehrliche Eindrücke, Bilder oder Empfindungen.

Beispiel:
Wort: Stille
Assoziationen: Morgen, leerer Raum, Atemzug, Schnee, Warten

Schritt 3: Zeilen formen

Sieh dir deine Assoziationen an und wähle daraus Wörter oder Bilder, die sich stimmig anfühlen. Forme daraus drei kurze Gedichtzeilen.

Du kannst die Reihenfolge verändern, Wörter weglassen oder neu verbinden. Reime sind nicht notwendig. Es ist wichtiger, dass sich die Zeilen für dich richtig anfühlen.

Deine Beispiel-Struktur:

Wort:
Assoziationen:
Gedichtzeilen (3):

Hinweis: Lies deine Zeilen leise oder laut. Spüre, ob sie einen Klang oder ein Bild in dir auslösen.

Ziel dieser Übung:

Aus einem einzelnen Wort kannst du ein Gefühl herausarbeiten und erleben, wie aus wenigen Assoziationen dein erstes Gedicht entstehen darf.

Falls dir dies schwergefallen ist oder du keine Assoziationen gefunden hast, die dich zu einem ersten kleinen Gedicht inspiriert haben, so habe ich hier ein Beispiel vorbereitet. Daran kannst du dich gern orientieren.

Beispiel zur Übung 1:
Wort: Stille
Assoziation: früher Morgen, Raum, ruhig, Pause, Atem
Dein Gedicht: Der frühe Morgen
füllt den Raum mit Stille
mein Atem hält kurz inne
Kurze Einordnung für dich:

Dieses Gedicht übernimmt zentrale Begriffe aus den Assoziationen und verbindet sie zu einem klaren Bild. Die Sprache bleibt einfach, wirkt aber bereits verdichtet. So entsteht Poesie ohne komplizierte Bilder oder formale Regeln.

Hier geht es zur Übung 2 – Sinne sammeln


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