Übung 2
Die eigenen Sinne nutzen
Dieser Beitrag ist Teil meiner Reihe „Eine Woche achtsames Gedichtschreiben“ und vertieft das Thema auf praktische Weise. Die folgende Schreibübung ist als Ergänzung gedacht und hilft dir, das theoretische Wissen unmittelbar in Erfahrung zu bringen.
Gleichzeitig ist diese Übung eine Schulung deiner Wahrnehmung. Achtsames Schreiben bedeutet hier vor allem, die Sinne bewusst zu öffnen. Sehen, hören, fühlen – all das, was im Alltag oft übergangen wird, weil es selbstverständlich scheint oder im Strom der Eindrücke untergeht, darf in den Vordergrund treten.
Bevor du mit dem Schreiben beginnst, nimm dir einen Moment Zeit, um wirklich anzukommen. Die folgende Achtsamkeitsübung unterstützt dich dabei, deine Sinne zu sammeln und zu schärfen.
| Kurze Achtsamkeitsübung mit Fokus auf die Sinne |
|---|
| Bevor du beginnst, setze dich bequem hin und schließe – wenn es sich für dich stimmig anfühlt – für einen Augenblick die Augen.
Halte inne und nimm zunächst deinen Atem wahr. Spüre, wie er kommt und geht. Welche Geräusche sind jetzt hörbar – nah oder fern? Atme ruhig weiter. Du musst nichts verändern. Dein Atem bleibt währenddessen dein Anker. Wenn deine Gedanken abschweifen, kehre einfach zu ihm zurück. Wenn du bereit bist, öffne deine Augen und beginne zu schreiben – aus dem, was du gerade wahrgenommen hast. |
Diese kurze Praxis kannst du immer nutzen, wenn du deine Aufmerksamkeit sammeln möchtest. Für das achtsame Schreiben hilft sie dir, deine Sinne bewusst einzubeziehen und aus unmittelbarer Erfahrung heraus zu formulieren.
Achtsames Schreiben bedeutet in diesem Zusammenhang auch, dich nicht von äußeren Bedingungen abhängig zu machen. Du brauchst kein besonderes Umfeld, um wahrzunehmen. Entscheidend ist die innere Haltung.
Lass Erwartungen und Zielvorstellungen los. Schreibe aus einer offenen, neugierigen Haltung heraus – so, als würdest du zum ersten Mal wirklich hinschauen. Zu Beginn eines Textes ist noch nicht klar, wohin er führt. Bleibe offen für das, was sich aus deinen Sinneseindrücken heraus entwickeln möchte.
Beginnen wir nun mit deiner Schreibübung.

Übung 2: Sinne sammeln
Wenn du schon einmal ein Gedicht gelesen hast, so wirst du bemerkt haben, dass diese mit sprachlichen Mitteln untermalt sind. So kann das Gedicht an Tiefe gewinnen. Sprachliche Mittel sind bewusste Gestaltungsformen der Sprache. Sie verändern, wie etwas gesagt wird, und beeinflussen dadurch die Wirkung eines Textes.
Je nach Einsatz können sie zum Beispiel:
→ Aussagen lebendiger und anschaulicher machen
→ die Aufmerksamkeit der Lesenden lenken
→ zum Weiterdenken anregen
→ Gefühle verstärken oder eine bestimmte Stimmung erzeugen
Sprachliche Mittel begegnen uns nicht nur in literarischen Texten. Auch in der Alltagssprache oder in der Werbung werden sie eingesetzt. In der Lyrik spielen sie jedoch eine besondere Rolle, da sie helfen, Gedanken und Empfindungen in verdichteter Form auszudrücken.
Diese Übung hilft dabei, Sinneseindrücke bewusst zu erfassen und sie sprachlich zu verdichten.
Schritt 1: Kurz innehalten
Nimm dir einen Moment Zeit und halte bewusst inne. Beobachte deine Umgebung, ohne etwas verändern oder bewerten zu wollen. Es geht nicht darum, etwas Besonderes zu erleben, sondern das wahrzunehmen, was gerade da ist.
Wenn du merkst, dass deine Gedanken noch sehr beschäftigt sind oder deine Aufmerksamkeit wandert, kannst du die Achtsamkeitsübung noch einmal wiederholen. Manchmal genügt ein weiterer ruhiger Atemzug, um präsenter zu werden und die Sinne klarer auszurichten.
Erst wenn du dich gesammelt fühlst, beginne mit dem Schreiben – aus dem, was du wirklich wahrnimmst.
Schritt 2: Sinneseindrücke notieren
Beantworte die folgenden Fragen in kurzen Stichworten oder Wortgruppen:
→ Was ist gerade sichtbar?
→ Welches Geräusch ist zu hören?
→ Was ist auf der Haut spürbar?
→ Welche innere Stimmung ist wahrnehmbar?
Beispiel:
Sehen: grauer Himmel, Häuser
Hören: leiser Verkehr
Fühlen: kühle Luft
Inneres: Unruhe
Schritt 3: Gedicht formen
Forme aus deinen Notizen ein Gedicht mit sechs Zeilen.
Verwende dabei nicht das Wort „ich“.
Du kannst Wörter verändern, ordnen oder miteinander verbinden. Ein Reim darf entstehen, muss aber nicht erzwungen werden.
Ziel der Übung
Diese Übung fördert das poetische Schreiben durch Beobachtung. Statt Gefühle zu erklären, werden Sinneseindrücke sprachlich verdichtet. Der bewusste Einsatz von Klang und Reim kann dem Gedicht zusätzlich Rhythmus und Halt geben.
Falls es sich für dich noch nicht stimmig anfühlt oder du dich nicht traust, lass dir gesagt sein: Dies ist völlig in Ordnung. Ich habe schon sehr oft ein Gedicht begonnen und musste nach den ersten beiden Zeilen aufhören, weil es „irgendwie nicht ging“. Nimm dir die Zeit, die du brauchst. Setze dich nicht unter Druck und denke daran: Dein Anfängergeist zeigt sich dir vielleicht heute etwas langsamer. Dein Gedicht muss nicht perfekt sein. Es darf dir einfach nur gefallen, weil du es aus diesem Moment heraus geschrieben hast.
Insofern du eine Idee benötigst, hier ist ein Beispiel:
Beispiel zur Übung 2
Grauer Himmel über‘m Haus
Lärm zieht durch die Straßen
kühle Luft, sie atmet aus
Augen wandern durch stillen Raum
Unruhe liegt zwischen den Dingen
suchen nach einem ruhigen Saum
Kurze Einordnung:
Das Gedicht bleibt nah an den gesammelten Eindrücken und verbindet sie über Rhythmus und Reim. Die Sprache ist bewusst einfach gehalten, um zu zeigen, wie aus der Beobachtung Schritt für Schritt ein Gedicht entstehen kann.
Du hast es geschafft. Herzlichen Glückwunsch. Feiere dich und genieße dieses Gefühl.
Hier geht es zur Übung 3 – Den Alltag in Bilder übersetzen
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