Die Geister die ich rief…
Zeitlos
Johann Wolfgang von Goethes Ballade „Der Zauberlehrling“ gehört bis heute zu den bekanntesten Gedichten der deutschen Literatur. Kaum ein anderes Werk verbindet Inhalt, Sprache und eine zeitlose Botschaft so eindrucksvoll miteinander. Die berühmten Verse über die „Geister“, die man nicht mehr loswird, sind längst zu einem geflügelten Wort geworden und erstaunlich aktuell geblieben.
Worum geht es?
Im Mittelpunkt der Ballade steht ein Lehrling, dessen Meister das Haus verlassen hat. Voller Selbstvertrauen nutzt der junge Zauberlehrling die Gelegenheit, selbst einen Zauberspruch auszuprobieren. Ein Besen soll Wasser holen und die Arbeit übernehmen. Zunächst funktioniert alles genau wie geplant, doch dann gerät die Situation außer Kontrolle. Der Lehrling erinnert sich zwar an den Zauber, aber nicht daran, wie man ihn beendet. Erst die Rückkehr des Meisters beendet das Chaos.
Die Handlung wirkt auf den ersten Blick beinahe humorvoll. Doch hinter der Geschichte steckt natürlich mehr als nur ein paar „Geister“.
Die zeitlose Botschaft
Goethe zeigt in seiner Ballade, wie gefährlich Übermut werden kann. Der Lehrling überschätzt seine Fähigkeiten und glaubt, bereits genug Wissen zu besitzen. Doch Wissen allein reicht nicht aus, es braucht auch Erfahrung, Verantwortung und Reife.
Diese Aussage ist heute aktueller denn je. Moderne Technologien, künstliche Intelligenz oder wissenschaftliche Entwicklungen erinnern oft an den Zauberlehrling: Menschen erschaffen Dinge, deren Folgen sie noch nicht vollständig kontrollieren können. Die berühmte Zeile „Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los.“ wird deshalb bis heute in politischen, technischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen verwendet.
Woher stammt die Geschichte?
Interessant ist, dass das Motiv des Zauberlehrlings älter ist als Goethes Ballade. Goethe orientierte sich an einer antiken Erzählung des griechischen Schriftstellers Lukian von Samosata. Das Motiv eines Zaubers, der außer Kontrolle gerät, faszinierte Menschen also schon vor vielen Jahrhunderten.

Der Zauberlehrling
von Johann Wolfgang von Goethe
Hat der alte Hexenmeister
sich doch einmal wegbegeben!
Und nun sollen seine Geister
auch nach meinem Willen leben.
Seine Wort‘ und Werke
Merkt ich und den Brauch,
und mit Geistesstärke
tu ich Wunder auch.
Walle! Walle!
Manche Strecke,
dass, zum Zwecke,
Wasser fliesse
und mit reichem, vollem Schwalle
zu dem Bade sich ergiesse.
Und nun komm, du alter Besen!
Nimm die schlechten Lumpenhüllen;
Bist schon lange Knecht gewesen;
Nun erfülle meinen Willen!
Auf zwei Beinen stehe,
Oben sei ein Kopf,
Eile nun und gehe
mit dem Wassertopf!
Walle! Walle!
Manche Strecke,
dass, zum Zwecke,
Wasser fliesse
und mit reichem, vollem Schwalle
zu dem Bade sich ergiesse.
Seht, er läuft zum Ufer nieder;
Wahrlich! ist schon an dem Flusse,
und mit Blitzesschnelle wieder
ist er hier mit raschem Gusse.
Schon zum zweiten Male!
Wie das Becken schwillt!
Wie sich jede Schale
voll mit Wasser füllt!
Stehe! Stehe!
Denn wir haben
deiner Gaben
vollgemessen! –
Ach, ich merk es! Wehe! wehe!
hab ich doch das Wort vergessen!
Ach, das Wort, worauf am Ende
er das wird, was er gewesen.
Ach, er läuft und bringt behende!
Wärst du doch der alte Besen!
Immer neue Güsse
bringt er schnell herein,
Ach! und hundert Flüsse
stürzen auf mich ein.
Nein, nicht länger
kann ich’s lassen;
Will ihn fassen.
Das ist Tücke!
Ach! nun wird mir immer bänger!
Welche Miene! welche Blicke!
O du Ausgeburt der Hölle!
Soll das ganze Haus ersaufen?
Seh ich über jede Schwelle
doch schon Wasserströme laufen.
Ein verruchter Besen,
der nicht hören will!
Stock, der du gewesen,
steh doch wieder still!
Willst’s am Ende
gar nicht lassen?
Will dich fassen,
will dich halten
und das alte Holz behende
mit dem scharfen Beile spalten.
Seht, da kommt er schleppend wieder!
Wie ich mich nur auf dich werfe,
gleich, o Kobold, liegst du nieder;
Krachend trifft die glatte Schärfe.
Wahrlich! brav getroffen!
Seht, er ist entzwei!
Und nun kann ich hoffen,
und ich atme frei!
Wehe! Wehe!
Beide Teile
stehn in Eile
schon als Knechte
völlig fertig in die Höhe!
Helft mir, ach! ihr hohen Mächte!
Und sie laufen! Nass und nässer
wird’s im Saal und auf den Stufen.
Welch entsetzliches Gewässer!
Herr und Meister! hör mich rufen! –
Ach, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist gross!
Die ich rief, die Geister,
werd ich nun nicht los.
»In die Ecke,
Besen! Besen!
Seid’s gewesen.
Denn als Geister
ruft euch nur, zu seinem Zwecke,
erst hervor der alte Meister.«
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