Großstadt
Zu laut und zu groß
Ein Gedicht am Potsdamer Platz
Es war der Blick über Berlin, der mich nach oben lockte und am Ende waren es Worte, die mich fesselten. Auf der Aussichtsplattform „Panorama“ am Potsdamer Platz bin ich nicht nur der Stadt von oben begegnet, sondern auch einem Gedicht von Erich Kästner.
„Besuch vom Lande“ stand auf einer der Ausstellungstafeln und zeigte sich mir mit einer Kraft, die ich nicht erwartet hatte. Während die Häuser unter mir in der Sonne flimmerten und sich der Verkehr durch die Straßen schob, erzählte Kästner in seinem Gedicht von Menschen, die auf dem Potsdamer Platz stehen und nicht wissen, wohin mit sich sollen.
Dieses Gefühl hat mich sofort ergriffen, denn die beschriebenen Geräusche sind auch nach Jahrzehnten immer noch präsent. Direkt unter meinen Füßen. Und obwohl ich Berlin kenne, habe ich mich in die Zeit von damals zurückversetzen wollen. Ich habe mir vorgestellt, wie die Straßenbahnen fuhren und bimmelten (heute gibt es sie hier an der Stelle nicht mehr) und wie jemand vom Lande diese Fülle empfunden haben muss. Und jeder, der aus einem kleineren Ort kommt, wird dies auch heute noch so empfinden.
Während ich also so in der Zeit zurückreiste und nebenbei der Ausstellung folgte, verschwammen die Bilder mit den Zeilen von Erich Kästner. Seine Perspektive schaut nicht von oben herab, sondern er bleibt bei den Verunsicherten. Bei denen, die nicht staunen vor Begeisterung, sondern vor Überforderung. „Sie möchten am liebsten zu Hause sein“ – dieser Satz hat etwas fast Zärtliches. Kein Spott klingt heraus, nur ein ehrliches Gefühl.
Nun stand ich selbst über der Stadt, weit oben im 24. Stockwerk des Hochhauses. Alles wirkte von dort ruhig, geordnet und fast ein bisschen fern. Als würde Berlin sich aus dieser Distanz ein wenig entschärfen.
Und als ich wieder unten ankam und auf dem Platz stand, wuselten die Menschen und klingelten mir die Ohren vom Trubel um mich herum.

Besuch vom Lande
von Erich Kästner
Sie stehen verstört am Potsdamer Platz.
Und finden Berlin zu laut.
Die Nacht glüht auf in Kilowatts.
Ein Fräulein sagt heiser: „Komm mit, mein Schatz!“
Und zeigt entsetzlich viel Haut.
Sie wissen vor Staunen nicht aus und nicht ein.
Sie stehen und wundern sich bloß.
Die Bahnen rasseln. Die Autos schrein.
Sie möchten am liebsten zu Hause sein.
Und finden Berlin zu groß.
Es klingt, als ob die Großstadt stöhnt,
weil irgendwer sie schilt.
Die Häuser funkeln. Die U-Bahn dröhnt.
Sie sind alles so gar nicht gewöhnt.
Und finden Berlin zu wild.
Sie machen vor Angst die Beine krumm.
Sie machen alles verkehrt.
Sie lächeln bestürzt. Und sie warten dumm.
Und stehn auf dem Potsdamer Platz herum,
bis man sie überfährt.
#Berlin #PotsdamerPlatz #ErichKästner #Gedicht #Lyrik #Großstadt #Aussichtsplattform #Panorama #Stadtleben #Nachdenklich #Literatur #BerlinMomente