Das Leben mit Humor nehmen

Zeitgenössische Lyrik

Mitunter stolpere ich über ein Gedicht, was ich gern mit Euch teilen möchte. Und in den meisten Fällen versuche ich es auch zu interpretieren oder zu analysieren. Aber bei diesem Gedicht von Erich Fried fiel es mir sehr schwer.

Das Gedicht „Zielbewußtsein“ von Erich Fried steht in einem politischen Zusammenhang. Es gehört zur Sammlung „Die Freiheit, den Mund aufzumachen“ (ca. 1972 erschienen) und richtet sich an Menschen, die für eine Sache eintreten und andere dafür gewinnen wollen.

Zeitgeschehen

Wenn Erich Fried dieses Gedicht in den 1960er- oder frühen 1970er-Jahren schrieb, stand es sehr wahrscheinlich im Umfeld politischer Auseinandersetzungen, die stark von Polarisierung geprägt waren.

Diese Zeit war gekennzeichnet durch:

• den Kalten Krieg
• die Auseinandersetzung mit Faschismus und Nationalsozialismus in der Nachkriegszeit
• Protestbewegungen, etwa gegen den Vietnamkrieg
• eine zunehmend laute, oft konfrontative politische Sprache

In vielen politischen Debatten dominierte ein kompromissloser Ton. Moralischer Ernst, ideologische Härte und gegenseitige Abgrenzung galten häufig als notwendige Haltung im Kampf für das „Richtige“.

Literarische Betrachtung

Fried macht deutlich, dass übermäßiger Ernst dabei eher schadet als hilft. Wer nur hart, verbissen oder unnachgiebig auftritt, erreicht selten Mitstreiter. Humor wird im Gedicht als bewusst eingesetztes Mittel gesehen, um Menschen anzusprechen und mitzunehmen.

Dasselbe gilt für die Güte.

Grausamkeit oder Gleichgültigkeit führen nicht zum Ziel. Auch sie verhindern, dass eine Sache Unterstützung findet. Fried beschreibt Humor und Güte deshalb als notwendig.

Ob diese Interpretation stimmt, weiß ich natürlich nicht. Es fiel mir außerordentlich schwer, den richtigen Kontext für diese Zeilen zu finden. Ich bin gespannt, wie Ihr dieses Gedicht versteht:

Zielbewußtsein
von Erich Fried

Humor haben
muß ich aus taktischen Gründen
weil ich durch tierischen Ernst
und Unvermögen zu lachen
der Sache
um die es uns geht
keine Freunde gewinnen kann

Gütig sein
muß ich aus taktischen Gründen
weil ich durch Grausamkeit
oder Gleichgültigkeit
der Sache
um die es uns geht
keine Freunde gewinnen kann

Wenn diese Erwägung
die feste Grundlage bildet
für meine Pflege
dieser nützlichen Eigenschaften
dann sieht meine Güte
so aus
wie mein Humor

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