Ingeborg Bachmann
TEIL 5
Im Rahmen meiner Reihe Deutsche Dichterinnen möchte ich Euch heute die Dichterin Ingeborg Bachmann vorstellen. Sie wurde 1926 in Klagenfurt geboren und wuchs in Österreich unter dem Eindruck der Kriegs- und Nachkriegsjahre auf.
Eine Stimme gegen das Verstummen
Diese jungen Erfahrungen prägten ihr Schreiben nachhaltig. Nach dem Krieg studierte sie Philosophie, Germanistik und Psychologie in Innsbruck, Graz und Wien und promovierte 1949 über die Existenzphilosophie Martin Heideggers. Früh beschäftigte sie sich mit der Frage, wie Sprache Wirklichkeit formt und wie sie verletzen kann.
1952 erschien ihr erster Gedichtband „Die gestundete Zeit“, der sie schlagartig bekannt machte und ihr 1953 den Preis der Gruppe 47 einbrachte. Es folgte „Anrufung des Großen Bären“ (1956). Obwohl Lyrik ihr literarischer Ursprung blieb, wandte sie sich später verstärkt der Prosa zu. In Werken wie „Das dreißigste Jahr“, „Simultan“ und dem Roman „Malina“ setzte sie sich eindringlich mit Macht, Gewalt und der Zerstörung weiblicher Identität auseinander.
Bachmann lebte viele Jahre in Italien, reiste viel und arbeitete unter anderem mit Hans Werner Henze zusammen. Sie starb 1973 in Rom.

Erklär mir, Liebe
Dein Hut lüftet sich leis, grüßt, schwebt im Wind,
dein unbedeckter Kopf hat’s Wolken angetan,
dein Herz hat anderswo zu tun,
dein Mund verleibt sich neue Sprachen ein,
das Zittergras im Land nimmt überhand,
Sternblumen bläst der Sommer an und aus,
von Flocken blind erhebst du dein Gesicht,
du lachst und weinst und gehst an dir zugrund,
was soll dir noch geschehen –
Erklär mir, Liebe!
Der Pfau, in feierlichem Staunen, schlägt sein Rad,
die Taube stellt den Federkragen hoch,
vom Gurren überfüllt, dehnt sich die Luft,
der Entrich schreit, vom wilden Honig nimmt
das ganze Land, auch im gesetzten Park
hat jedes Beet ein goldner Staub umsäumt.
Der Fisch errötet, überholt den Schwarm
und stürzt durch Grotten ins Korallenbett.
Zur Silbersandmusik tanzt scheu der Skorpion.
Der Käfer riecht die Herrlichste von weit;
hätt ich nur seinen Sinn, ich fühlte auch,
daß Flügel unter ihrem Panzer schimmern,
und nahm den Weg zum fernen Erdbeerstrauch!
Erklär mir, Liebe!
Wasser weiß zu reden,
die Welle nimmt die Welle an der Hand,
im Weinberg schwillt die Traube, springt und fällt.
So arglos tritt die Schnecke aus dem Haus!
Ein Stein weiß einen andern zu erweichen!
Erklär mir, Liebe, was ich nicht erklären kann:
sollt ich die kurze schauerliche Zeit
Quelle: Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis heute: Gedichte und Lebensläufe von Gisela Brinker-Gabler; Verlag: Anaconda
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