Über das Verstummen der Liebe und der

Sehnsucht nach eben dieser

Das Gedicht „Ehe“ von Thekla Lingen (1866-1931) ist eine kurze Momentaufnahme einer Beziehung, in der die Nähe zur Gewohnheit geworden ist und Liebe längst gegangen scheint. Ohne große Dramatik beschreibt die Autorin einen Zustand, der gerade durch seine Offenheit erschüttert.

Die Sprache des Schweigens

Schon die ersten Verse verdeutlichen, dass hier nicht gestritten, nicht geklagt oder geweint wird. Es wird nur noch geschwiegen. Zwei Menschen sitzen beieinander, ohne sich etwas zu sagen zu haben. Das Ticken der Zeit, die schlagenden Stunden, ersetzen jedes Gespräch. Die Langeweile wird fast zu einer dritten Person im Raum.

Diese Stille wiegt schwer. Sie trägt das Gewicht einer Liebe, die „längst gegangen“ ist, und eines Glücks, das nicht zurückkehrt.

Eine Nähe ohne Verbindung

Besonders eindrücklich ist die Gegenüberstellung der inneren Zustände:
Er sitzt neben dem Missmut, sie neben der Sehnsucht. Beide empfinden, beide leiden, und doch findet kein Austausch statt. Nähe wird hier nicht als Trost gezeigt, sondern als schmerzliche Erinnerung daran, was fehlt. Das Gedicht zeigt, wie Einsamkeit nicht nur im Alleinsein entsteht, sondern auch mitten in einer Beziehung.

Gewohnheit als unsichtbare Macht

Am Ende tritt eine fast unheimliche Figur auf: die Gewohnheit.
Ganz unscheinbar zwingt sie die beiden in ihre Kreise, hält sie fest, lässt sie bleiben in ihrer Situation. Sie bleiben also nicht aus Liebe, sondern aus Trägheit, Angst oder fehlender Kraft zur Veränderung. Genau das macht das Gedicht so zeitlos. Denn auch heute noch stellt sich die Frage: Was hält Menschen zusammen, wenn Liebe, Verlangen und Glück verschwunden sind?

Dieses Gedicht ist zeitlos

Obwohl dieses Gedicht aus einer anderen Epoche stammt, wirkt es erstaunlich modern. Es spricht über emotionale Entfremdung, über das Auseinanderleben und über Beziehungen, die eher aus Gewohnheit als aus Verbundenheit bestehen. Das sind Themen, die auch heute nichts an Bedeutung verloren haben.

Ehe

Sie haben sich nichts zu sagen,
Sie sitzen still und stumm
Und hören die Stunden schlagen,
Die Langeweil geht um.

Die Liebe ist längst gegangen,
Und auch das Glück ist hin,
Und hin ist das Verlangen
Mitsamt dem Jugendsinn.

Missmut sitzt ihm zur Seite,
Die Sehnsucht sitzt bei ihr,
Und traurig alle beide,
Ach, bis zu Thränen schier.

Keins bricht das tiefe Schweigen,
Kein Laut dringt in den Raum,
Nur schwere Seufzer steigen,
Verstohlen, hörbar kaum.

Und die Gewohnheit leise
Schwingt ihren Zauberstab
Und zwingt in ihre Kreise
Die beiden still hinab.

Quelle: Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis heute: Gedichte und Lebensläufe von Gisela Brinker-Gabler; Verlag: Anaconda

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