oder auch 

„Reichsklage“

Der Autor: Walther von der Vogelweide

Walther von der Vogelweide (ca. 1170–1230) war einer der bedeutendsten deutschsprachigen Dichter des Mittelalters. Er war ein Minnesänger und Meistersänger, wirkte am Wiener Hof und später an verschiedenen deutschen Fürstenhöfen. Neben seiner Liebeslyrik verfasste er vor allem politische und religiöse Gedichte.

Das Gedicht „Reichsklage” (auch bekannt unter der Anfangszeile „Ich saz ûf eime steine”) wurde Anfang des 13. Jahrhunderts geschrieben. Es gehört zu Walthers Alterswerk und ist in Mittelhochdeutsch verfasst.

Inhalt

Das Gedicht ist eine philosophische Meditation über das menschliche Streben. Der Sprecher sitzt nachdenklich und überlegt, wie man in dieser Welt richtig leben sollte. Er identifiziert drei erstrebenswerte Güter:

Ehre (sozialer Status und Anerkennung)
Wohlstand (materielle Sicherheit)
Moralische Integrität (göttliche Gnade)

Die zentrale These dabei ist, dass diese drei Güter nicht gleichzeitig verwirklicht werden können. Wer nach Reichtum und Ehre strebt, riskiert seine moralische Integrität. Die Gründe dafür sind strukturell – in einer Welt, in der Gewalt, Untreue und Ungerechtigkeit herrschen, können Erfolg und Tugend nicht nebeneinander bestehen.

Das Gedicht endet pessimistisch, ohne einen Hinweis oder Rat zu geben, wie man dies lösen kann.

Reichsklage
von Walther von der Vogelweide

Ich saz ûf eime steine
und dahte bein mit beine:
dar ûf satzt ich den ellenbogen:
ich hete in mîne hant gesmogen
daz kinne und ein mîn wange.
dó dâhte ich mir vil ange,
wie man zer welte solte leben.
deheinen rât kond ich gegeben,
wie man driu dinc erwurbe,
der keines niht verdurbe.
diu zwei sint êre und varnde guot,
daz dicke ein ander schaden tuot:
daz dritte ist gotes hulde,
der zweier übergulde.

diu wolte ich gerne in einen schrîn.
jâ leider desn mac niht gesîn,
daz guot und weltich êre
und gotes hulde mêre
zesamene in ein herze komen.
stîg unde wege sint in benomen:
untriuwe ist in der sâze,
gewalt vert ûf der strâze:
fride unde reht sint sêre wunt.
diu driu enhabent geleites niht,
diu zwei enwerden ê gesunt.

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Hochdeutsche Version

Ich saß auf einem Steine
und deckte Bein mit Beine,
darauf der Ellenbogen stand;
es schmiegte sich in meine Hand
das Kinn und eine Wange.
Da dachte ich sorglich lange,
Wozu auf Erden dient dies Leben?

Und konnte mir nicht Antwort geben,
wie man drei Ding’ erwürbe,
dass ihrer keins verdürbe.
Zwei Ding’ sind Ehr’ und zeitlich Gut,
das oft einander Schaden tut,
das dritte Gottes Segen,
den beiden überlegen.

Die hätt ich gern in einem Schrein.
Doch mag es leider nimmer sein,
dass Gottes Gnade kehre
mit Reichtum und mit Ehre
zusammen ein ins gleiche Herz.
Sie finden Hemmnis allerwärts;
Untreu hält Hof und Leute,
Gewalt geht aus auf Beute,
Gerechtigkeit und Fried ist wund,
Die drei genießen kein Geleit,
Eh diese zwei nicht sind gesund.

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