Würd ich‘s vermissen?

Eine Sinnfrage

Das habe ich mich auch schon oft gefragt. Würde es mir fehlen? Würde ich es vermissen, wenn ich es nicht erlebt / gesehen oder gehört hätte. Theodor Fontane zieht aus seinem alltäglichen Leben eine kurze Sequenz und betrachtet sie eingehender. Um an Ende festzustellen: Was wäre, wenn?

Und haben wir uns das nicht insgeheim alle schon einmal gefragt? Wenn ich nicht irgendwohin gegangen wäre oder ich einen Menschen nicht nach etwas gefragt hätte. Was wäre gewesen? Wir wissen es nicht.

Allerdings taucht in seinem Gedicht auch eine Zeile auf, die man anders interpretieren könnte:

„Aber wenn ich weiter geschlafen hätt“.

Meinte er hier vielleicht den Tod. Wenn er nicht wieder aufgewacht wäre, sondern weiter „geschlafen“ hätte. Dann würde all das Leben, welches er vorher umschrieben hat, einfach ohne ihn weitergehen.

Ich selbst empfinde dieses Gedicht als wunderbar einfach gehalten und will es auch gern so betrachten. Denn auch ich stand schon oft in meinem Leben da und habe mich gefragt: Was wäre, wenn ich den Flug der Vögel nicht gesehen hätte, der so zauberhaft ist. Und so weiter und so fort… Würd es mir fehlen?

Im Hintergrund der große runde Mond; davor ein Mensch auf einer Schaukel

Würd es mir fehlen, würd ich´s vermissen?
von Theodor Fontane

Heute früh, nach gut durchschlafener Nacht,
Bin ich wieder aufgewacht.
Ich setzte mich an den Frühstückstisch,
Der Kaffee war warm, die Semmel war frisch,
Ich habe die Morgenzeitung gelesen
(Es sind wieder Avancements gewesen).

Ich trat ans Fenster, ich sah hinunter,
Es trabte wieder, es klingelte munter,
Eine Schürze (beim Schlächter) hing über dem Stuhle,
Kleine Mädchen gingen nach der Schule, –
Alles war freundlich, alles war nett,
Aber wenn ich weiter geschlafen hätt
Und tät von alledem nichts wissen,
Würd es mir fehlen, würd ich’s vermissen?

Quelle: „Leichte Wolke, sei mein Wagen: Die schönsten Gedichte“
(Verlag: Aufbau Taschenbuch Verlag)

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