Nenn ich dich Aufgang oder Untergang

DIE FRÜHEN GEDICHTE

Nenn ich dich Aufgang oder Untergang
Rainer Maria Rilke (2.2.1898, Berlin)

Nenn ich dich Aufgang oder Untergang?
Denn manchmal bin ich vor dem Morgen bang
und greife scheu nach seiner Rosen Röte –
und ahne eine Angst in seiner Flöte
vor Tagen, welche liedlos sind und lang.

Aber die Abende sind mild und mein,
von meinem Schauen sind sie still beschienen;
in meinem Armen schlafen Wälder ein, –
und ich bin selbst das Klingen über ihnen,
und mit dem Dunkel in den Violinen
verwandt durch all mein Dunkelsein.

Hintergrund

Rilke ist bekannt für seine vielfältigen poetischen Themen wie z.B. die Liebe, die Natur und die menschliche Existenz.

Sein Gedicht „Herbsttag“ beispielsweise, ist eine Betrachtung über die Vergänglichkeit des Lebens, das Vorrücken der Zeit und die Schönheit des Herbstes.

In München traf Rilke 1897 die fünfzehn Jahre ältere Literatin Lou Andreas-Salomé und verliebte sich in sie. Er änderte sogar seinen Vornamen von René in Rainer, da Andreas-Salomé den Namen für einen Schriftsteller angebrachter fand.

Rilke zog im Herbst 1897 nach Berlin und bezog in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft eine Wohnung. Drei Jahre später trennte sich Lou von Rilke, blieb aber bis zu seinem Lebensende eine wichtige Freundin und Beraterin.

Mit seiner 1899 veröffentlichten Gedichtsammlung „Mir zur Feier“ wendet sich Rilke zum ersten Mal der Betrachtung der menschlichen Innenwelt zu.