Das berühmteste deutsche Gedicht
VON GOETHE
Das berühmteste deutschsprachige Gedicht zu bestimmen, ist sicherlich schwierig – aber der „Erlkönig“ von Johann Wolfgang von Goethe ist zweifellos eines der bekanntesten Werke der deutschsprachigen Lyrik.
Seit seiner Veröffentlichung im Jahr 1782 hat das Gedicht Generationen von Leser:innen und Dichter:innen beeinflusst. Bis heute gehört es zum festen Bestandteil der Schulliteratur und Literaturgeschichte.
Sturm und Drang
Goethe verfasste den „Erlkönig“ in der Epoche des Sturm und Drang, die sich durch eine intensive Auseinandersetzung mit Gefühlen, Natur und der oft düsteren menschlichen Seele auszeichnet.
Das Gedicht behandelt auf eindringliche Weise die Ängste und das Unheilvolle in einer schaurigen Szenerie: Ein Vater reitet in einer stürmischen Nacht mit seinem kranken Kind durch einen finsteren Wald. Das Kind sieht und hört den Erlkönig, eine mysteriöse, bedrohliche Gestalt, die es mit süßen Worten und verlockenden Versprechungen zu sich rufen will. Der Vater jedoch sieht den Erlkönig nicht und versucht, die Ängste seines Kindes zu beruhigen. Doch der nächtliche Ritt endet tragisch – am Ende des Gedichts stirbt das Kind in den Armen des Vaters.
Spannung und sprachliche Brillanz
Was den „Erlkönig“ so besonders macht, ist nicht nur die Spannung und düstere Atmosphäre, die Goethe meisterhaft erzeugt, sondern auch die sprachliche Brillanz und die Verwendung eines Dialogs. Das Gedicht wechselt zwischen den Stimmen des Vaters, des Kindes und des Erlkönigs und führt zu einer geradezu dramatischen Intensität, die sich auch heute noch lebendig anfühlt. Der Wechsel zwischen den Perspektiven verstärkt das Gefühl der Unruhe und Hilflosigkeit, und der wiederkehrende, reimende Rhythmus vermittelt die Dringlichkeit der Situation.
Musikalische Tiefe
Auch musikalisch hat der „Erlkönig“ einen besonderen Platz eingenommen: Die berühmte Vertonung von Franz Schubert verleiht dem Gedicht zusätzliche Tiefe. Schuberts Komposition fängt die Dynamik der nächtlichen Flucht und die gespenstische Erscheinung des Erlkönigs perfekt ein. Durch die Verbindung von Literatur und Musik wird der „Erlkönig“ nicht nur als Gedicht, sondern als ein multimediales Erlebnis wahrgenommen, das eine einzigartige Intensität entfaltet.
In der deutschsprachigen Lyrik ist der „Erlkönig“ daher viel mehr als nur ein Gedicht – es ist ein Symbol für die Wucht der Romantik und der menschlichen Urängste. Auch heute noch berührt das Gedicht Leser:innen und Zuhörer:innen weltweit und bleibt eines der eindrucksvollsten Werke der deutschen Dichtkunst.

Erlkönig
von Johann Wolfgang von Goethe
Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er fasst ihn sicher, er hält ihn warm.
„Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht?“
„Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?
Den Erlkönig mit Kron und Schweif?“
„Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif.“
„Du liebes Kind, komm, geh mit mir!
Gar schöne Spiele spiel ich mit dir;
Manch bunte Blumen sind an dem Strand;
Meine Mutter hat manch gülden Gewand.“
„Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
Was Erlenkönig mir leise verspricht?“
„Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;
In dürren Blättern säuselt der Wind.“
„Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
Meine Töchter sollen dich warten schön;
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn
Und wiegen und tanzen und singen dich ein.“
„Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
Erlkönigs Töchter am düstern Ort?“
„Mein Sohn, mein Sohn, ich seh es genau:
Es scheinen die alten Weiden so grau.“
„Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt.“
„Mein Vater, mein Vater, jetzt fasst er mich an!
Erlkönig hat mir ein Leids getan!“
Dem Vater grauset’s er reitet geschwind,
Er hält in Armen das ächzende Kind,
Erreicht den Hof mit Mühe und Not;
In seinen Armen das Kind war tot.