Sächliche Romanze
DIE KUNST DES WEGLASSENS
Ich bin ja eine Leseratte und kürzlich saß ich mal wieder gemütlich auf der Couch und versank in einem schönen Roman. Er handelte von einem Berlin in den 1930iger Jahren und zwei der Figuren aus diesem Roman saßen in einem Café. Der eine Herr las eine Tageszeitung und entdeckte darin ein Gedicht. Es handelte sich dabei um „Sächliche Romanze“ von Erich Kästner.
Vielleicht kennt ihr das Gefühl, wenn ein paar Zeilen so treffsicher geschrieben sind, dass sie einem unter die Haut gehen. Genau das hat dieses Gedicht bei mir bewirkt. Es hat mich innehalten lassen und zum Nachdenken gebracht – über Beziehungen, über die Vergänglichkeit von Gefühlen und darüber, wie subtil und doch eindringlich Worte Emotionen transportieren können.
Erich Kästner ist bekannt für seinen scharfsinnigen Stil. In „Sächliche Romanze“ zeichnet er das Bild einer Beziehung, deren Feuer langsam erlischt. Was einst voller Leidenschaft begann, wird im Laufe der Zeit zu einer Routine – sachlich, emotionslos, ja fast gleichgültig.
Und das alles vermittelt er in einer so klaren, fast nüchternen Sprache, die gerade deshalb so eindrucksvoll ist. Es ist erstaunlich, wie zeitlos dieses Gedicht ist: Die Themen, die Kästner anspricht, sind universell und könnten ebenso gut aus der heutigen Zeit stammen.
Die Kunst des Weglassens
Was mich an diesem Gedicht besonders fasziniert, ist die Kunst des Weglassens. Erich Kästner braucht keine großen Worte oder dramatischen Gesten. Vielmehr sind es die Leerstellen zwischen den Zeilen, die für mich den Kern der Botschaft ausmachen. Das Schweigen, das Unausgesprochene – all das ist manchmal lauter als Worte.
Es erinnert mich daran, wie wichtig es in der Lyrik ist, Raum für eigene Interpretationen zu lassen. Jeder Leser kann sich seine eigene Geschichte dazu denken, eigene Erfahrungen einfließen lassen.

Eine Beziehung in der Schwebe
In „Sächliche Romanze“ beschreibt Kästner eine Situation, die wohl einige von uns kennen: Eine Beziehung, die irgendwo zwischen Vergangenheit und Gegenwart schwebt. Die Gefühle sind nicht mehr, was sie einmal waren, aber die gemeinsame Geschichte verbindet. Es ist ein schmerzhafter Prozess, das Ende einer Liebe zu akzeptieren, doch gleichzeitig liegt darin auch etwas Tröstliches. Vielleicht ist das, was bleibt, nicht Leidenschaft, sondern eine stille Vertrautheit, der Gedanke an das, was einmal war.
Ich habe mich gefragt, wie oft wir im Alltag solche „sächlichen“ Momente erleben, ohne sie bewusst wahrzunehmen. Beziehungen, die wir für selbstverständlich halten, bis wir eines Tages feststellen, dass sie sich verändert haben.
Kästners zeitlose Sprache
Die Sprache in „Sächliche Romanze“ ist beeindruckend zeitlos. Obwohl das Gedicht vor Jahrzehnten geschrieben wurde, fühlt es sich erstaunlich aktuell an. Kästner hat sich nie hinter blumigen Metaphern versteckt, sondern direkt und ehrlich geschrieben. Seine Worte treffen ins Mark, ohne dabei aufdringlich zu sein.
Ich finde es faszinierend, wie er es schafft, mit wenigen Worten so viel zu sagen. Es zeigt, dass Lyrik nicht kompliziert oder unzugänglich sein muss, um tief zu berühren. Im Gegenteil: Gerade die Einfachheit und Klarheit machen die Stärke dieses Gedichts aus.
Sachliche Romanze
von Erich Kästner
Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.
Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wußten nicht weiter.
Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.
Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach Vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.
Sie gingen ins kleinste Cafe am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend saßen sie immer noch dort.
Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.
Kästners Gedichtband ‚Lärm im Spiegel‘, dem dieses Gedicht entstammt, erscheint seit 1963 im Atrium Verlag.