Teil 3
WOHER STAMMT DAS WORT „DEUTSCH“?
Das Wort „deutsch“ benutzen wir täglich, aber hast Du Dich mal gefragt, wo es eigentlich herkommt? Die Geschichte dieses Begriffs ist richtig spannend und verrät viel über unsere Sprache und Identität.
In meiner Reihe „Deutsche Sprache – Schöne Sprache“ möchte ich euch in meinem 3. Teil die Herkunft des Wortes „deutsch“ erläutern.
Die sprachlichen Wurzeln
Der Ursprung des Wortes „deutsch“ liegt im Althochdeutschen. Es stammt von „diutisc“, das sich aus „diot“ (Volk) ableitet. Damals bedeutete es so viel wie „zum Volk gehörig“ oder „volkssprachlich“.
Die Leute benutzten den Begriff, um ihre eigene Sprache von der lateinischen Sprache der Kirche und der Verwaltung des Heiligen Römischen Reiches abzugrenzen.
Von der Sprache des Volkes bis hin zur Identität
Im frühen Mittelalter war „diutisc“ also einfach nur die Bezeichnung für die Sprache des Volkes – im Gegensatz zu Latein, das vor allem von Gelehrten und Geistlichen gesprochen wurde. Karl der Große (747–814) sorgte sogar dafür, dass Gesetze nicht nur auf Latein, sondern auch in „teudisca lingua“ geschrieben wurden, damit das einfache Volk sie verstehen konnte.
Mit der Zeit änderte sich die Schreibweise: Aus „diutisc“ wurde im Mittelhochdeutschen „tiutsch“ – und irgendwann dann unser heutiges „deutsch“.
Wie ein Sprachbegriff zu einem Identitätsbegriff wurde
Zunächst diente das Wort vor allem dazu, die Sprache zu beschreiben. Doch mit der Zeit bekam „deutsch“ auch eine ethnische und politische Bedeutung. Im Heiligen Römischen Reich, das aus vielen verschiedenen Territorien bestand, war die gemeinsame Sprache ein verbindendes Element. Dadurch entwickelte sich „deutsch“ immer mehr zu einem Identitätsbegriff.
Im 19. Jahrhundert – als Deutschland als Nationalstaat geformt wurde – bekam der Begriff dann endgültig eine politische und kulturelle Bedeutung. Mit der Gründung des Deutschen Reichs 1871 unter Bismarck bezog sich „deutsch“ nicht mehr nur auf die Sprache, sondern auf eine ganze Nation.
Das Wort „deutsch“ hat also eine lange Reise hinter sich. Angefangen als einfache Bezeichnung für die Volkssprache, wurde es über die Jahrhunderte zu einem Begriff für Identität und Nation. Die Geschichte zeigt, wie eng Sprache und Selbstverständnis miteinander verknüpft sind – und wie sich Begriffe mit der Zeit verändern.
Veränderungen im Wortschatz und Entlehnungen aus anderen Sprachen
Im Hochmittelalter wurde die deutsche Sprache ordentlich aus dem Französischen geplrägt. Kein Wunder, die französische Kultur war damals sehr angesagt, und dies spiegelte sich auch in der Sprache wider.
Übrigens kamen viele dieser Wörter über Flandern nach Deutschland. Ein paar Klassiker, die wir den Franzosen zu verdanken haben, sind: „Turnier“ (mhd. Turnei), „Palast“ (mhd. Palas) und sogar das gemütliche „Kissen“.
Aber nicht nur einzelne Wörter wurden übernommen – manche Begriffe wurden direkt nach französischem Vorbild gebastelt. So kommt „höfisch“ (hövesch im Mittelhochdeutschen) von altfranzösisch courtois, und unser „Ritter“ hat seinen Ursprung im altfranzösischen chevalier.
Auch einige typische Endungen sind französischer Herkunft. Das Suffix -ieren in Wörtern wie „studieren“ oder „marschieren“ stammt vom französischen -ier. Und das -ei in Wörtern wie „Zauberei“ (zouberīe) oder „Arznei“ (erzenīe) entwickelte sich aus einer mittelhochdeutschen Form, die wiederum vom Französischen beeinflusst war.
Natürlich gab es nicht nur den französischen Einfluss. Auch die slawischen Nachbarn im Osten haben ein paar Begriffe beigesteuert – wenn auch deutlich weniger. Zwei prominente Beispiele: „Grenze“ (mhd. Grenize, poln. Granica) und „Jauche“ (mhd. Jûche, poln. Jucha).
Sprache ist eben ein echtes Sammelbecken verschiedenster Einflüsse!

Wie die moderne Sprachwissenschaft entstanden ist
Früher, also im 17. und 18. Jahrhundert, dachten viele Leute: „Sprache muss ordentlich sein!“ Man legte Regeln fest, pflegte die „richtige“ Sprache und versuchte, Fremdwörter loszuwerden. Doch Anfang des 19. Jahrhunderts änderte sich das. Die Forscher interessierten sich plötzlich nicht mehr so sehr dafür, wie Sprache sein sollte, sondern wie sie wirklich ist – und vor allem, wie sie sich im Laufe der Zeit verändert hat.
Besonders spannend wurde das, als Wissenschaftler wie Franz Bopp und Jacob Grimm (Brüder Grimm) anfingen, verschiedene Sprachen miteinander zu vergleichen. Sie merkten, dass viele Sprachen verwandt sind und dass Wörter sich nach bestimmten Regeln verändern. So konnten sie zurückverfolgen, wie unsere Sprachen früher einmal geklungen haben.
Aber nicht nur die Vergangenheit war interessant: Einige Forscher fanden es auch spannend, Sprache in ihrer aktuellen Form zu untersuchen. Später entwickelte Ferdinand de Saussure daraus eine Methode, die bis heute die Sprachwissenschaft prägt.
Kurz gesagt: Die Leute hörten auf, Sprache einfach nur zu „verbessern“, und fingen an, sie wirklich zu erforschen – wie ein riesiges Puzzle, das bis heute nicht fertig ist!
Die Brüder Grimm und ihr „Deutsches Wörterbuch“
Jacob Grimm, den wir bereits als einen der Pioniere der vergleichenden Sprachforschung kennengelernt haben, war nicht nur für seine Arbeiten zur Sprachgeschichte bekannt, sondern auch – zusammen mit seinem Bruder Wilhelm – für ein monumentales Werk: das „Deutsche Wörterbuch“.
Während die Brüder Grimm heute vor allem für ihre Sammlung von Märchen bekannt sind, war ihr eigentliches wissenschaftliches Hauptprojekt die systematische Erfassung und Beschreibung der deutschen Sprache. Ihr Ziel war es, nicht nur den Wortschatz zu dokumentieren, sondern auch die historische Entwicklung jedes einzelnen Wortes nachzuzeichnen. Dazu sammelten sie Beispiele aus der Literatur und aus historischen Quellen, um zu zeigen, wie sich Bedeutungen und Schreibweisen über die Jahrhunderte verändert haben.
Die Arbeit an diesem Wörterbuch begann 1838 und wurde zu einer Lebensaufgabe. Doch obwohl die Brüder Grimm mit großem Eifer forschten, konnten sie das Werk nicht vollenden. Bis zu ihrem Tod hatten sie lediglich die Buchstaben A bis F bearbeitet. Ihr Wörterbuch war jedoch so bedeutend, dass es nach ihnen weitergeführt wurde – ein Prozess, der sich über mehr als ein Jahrhundert erstreckte. Erst 1961 wurde das Werk vollständig abgeschlossen.
Das „Deutsche Wörterbuch“ ist bis heute eine der wichtigsten Quellen für die historische Entwicklung der deutschen Sprache. Es zeigt eindrucksvoll, dass die Brüder Grimm nicht nur als Schreiber von Märchen in die Geschichte eingingen, sondern auch als führende Sprachwissenschaftler ihrer Zeit.
Einige Beispiele für sprachliche Veränderung
Hier findest Du einige interessante sprachliche Beispiele aus dem „Deutschen Wörterbuch“ der Brüder Grimm. Sie zeigen, wie sich Wörter über die Zeit verändert haben:
Apfel
Im „Deutschen Wörterbuch“ wird das Wort Apfel nicht nur mit seiner heutigen Bedeutung als Frucht erklärt, sondern es gibt auch historische Formen. Zum Beispiel findet sich die alte Schreibweise Affal aus dem Mittelhochdeutschen. Zudem zeigen die Grimms, dass das Wort schon in althochdeutscher Zeit (apful) existierte.
Knecht
Heute denkt man bei Knecht vielleicht an einen Bauernknecht oder Knecht Ruprecht. Früher hatte das Wort aber eine viel allgemeinere Bedeutung und wurde für jeden Diener oder auch für einen jungen Mann im Allgemeinen verwendet. Im Mittelalter konnte es sogar einen Krieger bezeichnen.
Mädchen
Spannend ist auch, dass das Wort Mädchen eine Verkleinerungsform von Magd ist (ursprünglich Magt). Das zeigt sich an der Endung -chen, die eine Diminutivform (Verkleinerung) darstellt. Das Grimmsche Wörterbuch erklärt, dass Mädchen sich aus dem mittelhochdeutschen mägdlin entwickelt hat.
Herzog
Heute denken wir bei Herzog an einen Adelstitel. Die Brüder Grimm zeigen aber, dass das Wort ursprünglich „der vor dem Heer zieht“ bedeutete (He(e)r-zug). Früher war ein Herzog also eher ein militärischer Anführer als ein bloßer Titelträger.
Witz
Heute bedeutet Witz etwas Lustiges, doch früher hatte das Wort eine ganz andere Bedeutung. Es stand für „Verstand“ oder „Klugheit“. Man findet es noch in älteren Redewendungen wie „bei witz und verstand sein“ oder „seinen witz verlieren“, was so viel bedeutete wie „den Verstand verlieren“.
Dorf
Heute ist ein Dorf eine kleine Siedlung auf dem Land. Aber ursprünglich bedeutete das althochdeutsche dorf oder thorpa eher eine „Ansiedlung“ oder „Wohnstätte“. Das sieht man noch im Englischen: thorp ist dort eine alte Bezeichnung für eine kleine ländliche Gemeinde. In manchen deutschen Gegenden gibt es bis heute Ortsnamen mit -dorf oder -torf, was auf die alte Bedeutung hinweist.
Gift
Dieses Wort hat eine besonders interessante Entwicklung. Heute denken wir bei Gift an eine giftige Substanz – etwas Gefährliches. Doch früher bedeutete Gift einfach nur „Gabe“ oder „Geschenk“ (von „geben“). Diese alte Bedeutung gibt es noch im Englischen (gift = Geschenk). Dass das Wort eine negative Bedeutung bekam, liegt daran, dass es früher für Heilmittel verwendet wurde – und manche davon eben auch tödlich sein konnten.
frech
Wenn wir heute jemanden als frech bezeichnen, meinen wir, dass er unverschämt oder respektlos ist. Doch ursprünglich hatte frech eine ganz andere Bedeutung. Es kommt vom althochdeutschen frecho, was „mutig“ oder „kühn“ bedeutete. Im Laufe der Zeit bekam das Wort eine negativere Färbung – aus mutig wurde „dreist“ und dann „respektlos“.
All diese Beispiele zeigen, wie spannend Sprache ist und wie sich Bedeutungen über die Jahrhunderte verändern können!