Isolde Kurz
TEIL 4
In meinem 4. Teil Deutsche Dichterinnen stelle ich Euch eine Schriftstellerin vor, die früh geistige Freiheit erlebte und deren Leben und Werk eng miteinander verwoben sind: Isolde Kurz.
Geboren 1853, wuchs Isolde Kurz mit vier Brüdern in einem ungewöhnlich offenen, politisch wachen Elternhaus auf. Ihre Mutter, eine engagierte Demokratin der 48er-Revolution, unterrichtete sie zu Hause, denn höhere Schulen standen Mädchen damals noch nicht offen. So erhielt Isolde Kurz eine umfassende Bildung: Sie lernte mehrere Fremdsprachen, beschäftigte sich mit antiker Literatur und kam früh mit sozialistischen Schriften in Berührung. Im Elternhaus wurden unter anderem Marx, Proudhon, Lassalle und Bebel gelesen, ein Fundament, das ihren unabhängigen Geist prägte.
Nach dem Tod des Vaters lebte sie zunächst in München, später viele Jahre in Italien. Besonders Florenz wurde zu einem Ort innerer Freiheit und schöpferischer Entfaltung. Dort arbeitete sie als Übersetzerin italienischer Literatur, betrieb intensive Renaissancestudien und fand zu ihrem eigenen literarischen Ausdruck. Ab 1889 erschienen Gedichte, wenig später die Florentiner Novellen und die Italienischen Erzählungen, mit denen sie literarischen Ruhm erlangte.
Die Rückkehr nach Deutschland fiel ihr schwer. Während des Ersten Weltkriegs ließ auch Isolde Kurz sich von der allgemeinen Kriegsbegeisterung erfassen; ein problematisches Kapitel ihres Schaffens, da diese Gedichte später im Nationalsozialismus aufgegriffen wurden. In ihren späten Jahren rückte das Autobiografische immer stärker in den Vordergrund. Werke wie der Entwicklungsroman Vanadis oder der Lebensrückblick Pilgerfahrt nach dem Unerreichlichen zeugen von einer Autorin, die bis ins hohe Alter reflektierend und schreibend blieb.
Isolde Kurz starb 1944 in München. Ihr Werk steht exemplarisch für die Spannungen ihrer Zeit, zwischen Freiheit und Anpassung, Bildung und Begrenzung, und verdient es, neu gelesen zu werden.
Findet hier ein Gedicht, das um ca. 1903 verfasst wurde:

Den Ausgesperrten
– Und hundert Tage und noch vielmehr …
Der Herd ist kalt und die Lade leer.
Am Fest der Liebe kein Jubelton –
und die Friedensbotschaft ward Hohn, ward Hohn!
Schwer hängt der Himmel, wie Schiefer grau,
über den Dächern von Crimmitschau.
Und Tausende harren, trotzig und stumm,
– Feinde oben und Feinde ringsum! –
Und weint ein zitterndes Kind nach Brot,
so leiden sie dreifach des Krieges Not.
Mit eherner Stirne, wie Mann so Frau,
stehen die Helden von Crimmitschau.
Sie kämpfen nicht mordend mit Pulver und Stahl:
sie geben ihr Herzblut in Hunger und Qual;
sie tragen die Fahne im heiligsten Krieg –
und die Ehre der Menschheit bedeutet ihr Sieg!
Der wandelt in blühende Frühlingsau
die feiernden Säle in Crimmitschau.
Wir aber, ihr Braven, wie grimm das Gesicht
der Zukunft euch drohe, wir lassen euch nicht!
Wir stützen die Hand euch im harten Gefecht –
laut pochen die Pulse für Freiheit und Recht.
Millionen mit euch! – Und wie die Sonne im Blau
leuchtet die Weihnacht von Crimmitschau!
Hintergrund: Das Gedicht bezieht sich auf den Streik der Crimmitschauer Textilarbeiter 1903/1904
Quelle: Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis heute: Gedichte und Lebensläufe von Gisela Brinker-Gabler; Verlag: Anaconda
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