Emma Döltz

TEIL 3

In meinem 3. Teil der Reihe „Deutsche Dichterinnen“ stelle ich Euch heute eine Frau vor, die zu jenen deutschen Stimmen gehörte, die nicht in den Salons ein- und ausging, sondern in den Hinterhöfen, Fabrikhallen und Arbeiterwohnungen entstand. Es handelt sich um Emma Döltz (1866-1950; auch bekannt als Emma Doltz). Ihre Biografie erzählt von harter sozialer Realität und zugleich von einer frühen, unerschütterlichen poetischen Begabung.

Kindheit im Armenhaus

Den größten Teil ihrer Kindheit verbrachte Emma Döltz in einem Armenhaus in Berlin-Steglitz. Schon früh wurde ihr Alltag von Verantwortung und Arbeit geprägt: Sie half ihrer Mutter bei der Heimarbeit, um das Überleben der Familie zu sichern. Der Vater, unheilbar krank, starb, als Emma erst vierzehn Jahre alt war – ein Verlust, der ihr Leben und ihre Themen nachhaltig beeinflusste.

Statt schulischer Förderung wartete die Fabrik. Emma wurde Arbeiterin – und blieb es auch nach ihrer Heirat im Alter von 28 Jahren. Ihr Mann, ebenfalls Arbeiter, verdiente nur einen kargen Lohn. Gemeinsam hatten sie drei Kinder. Um die Familie über Wasser zu halten, nahm Emma zusätzlich Heimarbeit an. Zwischen Nächten an der Nähmaschine und Tagen am Fließband wuchs eine Dichterin heran, die ihre Erfahrungen nicht nur fühlte, sondern in Worte zu formen begann.

Politisches Erwachen und literarische Stimme

In den 1890er Jahren wurde Emma Döltz politisch aktiv. Sie engagierte sich in der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) und in der Frauenbewegung – ein doppeltes Ringen um soziale Gerechtigkeit und weibliche Selbstbestimmung. Dieses Engagement spiegelte sich auch in ihrer literarischen Arbeit wider: Ihre Gedichte verbanden den Klang einfacher Sprache mit klarer politischer Haltung.

In einem kurzen Lebensbericht schilderte sie später, dass sie bereits als kleines Mädchen begonnen hatte, sich Märchen und Lieder auszudenken – eine kreative Flucht aus einem Alltag, der wenig Raum für Kindheit ließ. Diese frühen „inneren Geschichten“ wurden später zu einer öffentlichen Stimme.

Veröffentlichung in der „Gleichheit“ und erste Buchauswahl

Ab 1894 erschienen ihre Gedichte und Geschichten regelmäßig in der Frauenzeitung „Die Gleichheit“, herausgegeben von Clara Zetkin, einer der wichtigsten Publizistinnen der sozialistischen Frauenbewegung. Die Zeitung war Plattform für Arbeiterinnen, politische Debatten und emanzipatorische Literatur und machte Emma Döltz zu einer wahrgenommenen lyrischen Stimme ihrer Zeit.

1917 veröffentlichte sie schließlich eine kleine Auswahl ihrer Texte unter dem Titel „Jugend-Lieder“. Auch wenn es sich um ein schmales Werk handelte, war es ein literarisches Zeugnis von bemerkenswerter Bedeutung: Es dokumentierte, wie politische Lyrik aus der Lebenswelt einer Arbeiterin herausgeschrieben wurde – ohne Pathos, dafür mit Erfahrung, Herz und Haltung.

Heute ist Emma Döltz kaum noch bekannt und gerade deshalb gehört sie in meine Reihe „Deutsche Dichterinnen“. Ihre Texte stehen exemplarisch für Arbeiterinnen-Literatur aus weiblicher Perspektive, politisch geprägte Lyrik der sozialistischen Frauenbewegung, poetische Selbstermächtigung trotz Armut und literarische Teilhabe jenseits bürgerlicher Bildungschancen.

Die Heimarbeiterin

Nur schnell die Augen ausgewischt,
Herr Gott, da hat’s schon fünf geschlagen;
Wie kurz die Nacht, wie müd ich bin,
An allen Gliedern wie zerschlagen.
Schnell Feuer in den kalten Raum,
Das Frühstücksbrot noch schnell besorgen,
Damit man nur zum Nähen kommt,
Denn liefern, liefern muß ich morgen.

Dann eilt der Mann zur Arbeit hin,
Die Kinder nach der Schule gehen,
Und jedes braucht die Mutterhand,
Da heißt’s jetzt doppelt fleißig nähen.
Bald kommt das Jüngste angekräht;
Bald heißt’s den Mittagtisch besorgen,
Drum fleißig, fleißig nur genäht,
Denn liefern, liefern muß ich morgen.

So geht es weiter jeden Tag
In überstürztem, tollen Hasten,
Bis abends spät das brenn’de Aug‘
Gebieterisch verlangt ein Rasten;
So werden Blut und Nerven schlecht
In der Gewohnheit dumpfer Schwere,
Und manchmal nur, bin ich allein,
Erkenn‘ ich bang des Herzens Leere.

Und dennoch ist nicht tot mein Sinn,
Und Stolz läßt hoch das Herz mir schlagen:
Daß mich die Kunst noch so ergreift,
Wie einst in meinen Jugendtagen.

Sie neigt sich liebevoll zu mir:
»Zu dir, zu dir bin ich gekommen!
Laß alles andre hinter dir,
Ich hab‘ dich jetzt ans Herz genommen.

Quelle: Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis heute: Gedichte und Lebensläufe
von Gisela Brinker-Gabler; Verlag: Anaconda

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