Gedicht: Mexiko
Etwas Geschichte
Hermann Lingg (1820–1905) war ein deutscher Dichter und Arzt der Spätromantik, dessen Werk oft historische und kulturelle Themen aufgreift. Sein Gedicht „Mexiko“ entstand vor dem Hintergrund seiner Faszination für ferne Zivilisationen und ihre tragischen Wendepunkte.
Der Text beschreibt eindringlich ein aztekisches Sonnen- und Opferfest: Die untergehende Sonne scheint auf geschmückte Gefangene, deren Herzen den Göttern dargebracht werden. Lingg nutzt starke akustische und visuelle Bilder (Priestergesänge, Zinkenklang, Kerzen, Federschmuck, Klingen), um die religiöse Ekstase, aber auch die Grausamkeit des Rituals zu zeigen.
Im letzten Teil verschiebt sich die Szene: Am Horizont erscheinen die Schiffe des spanischen Eroberers Hernán Cortés nahe Tabasco. Die Sonne „zögert“, als wäre sie Zeugin eines historischen Umbruchs; dem Ende einer Hochkultur und dem Beginn der kolonialen Gewalt. Die Segel werden zu „Racheflügeln“, die den nahenden Konflikt ankündigen.
Linggs Gedicht beschreibt die Eroberung Mexikos im März 1519 durch die Spanier. Es ist ein Mahnbild über Macht, Glaube und Zerstörung, welches die Tragik einer Kultur im Moment ihres Zusammenbruchs mit dem Gedicht festhält.

Mexiko
von Hermann Lingg
Auf Tempeln Mexikos glüht im Versinken
Die Sonne noch, was zaudert sie so lange?
Sie lauscht der Priester blutigem Gesange,
Zum Opferfest beim Schall der hellen Zinken.
Auf die Gefangnen scheint sie. Federn winken
Von ihrem Haupt, man hat mit goldner Spange,
Mit Blumen sie geschmückt zum letzten Gange;
Jetzt nahn sie, wo die Todesmesser blinken.
Wild jauchzt das Volk; des Opferaltars Kerzen
Glühn höher auf, man hält die blut′gen Herzen
Der Sonne hin, was zaudert sie noch immer?
Des Cortez Schiffe sieht sie längs der Hügel
Tabasco′s nah′n, der Waffen heller Schimmer
Blitzt durch der Segel weiße Racheflügel.
Quelle: „Gedichte von Hermann Lingg“, Hrsg: Emanuel Geibel 1854, Cotta’scher Verlag
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