Sich nach dem Meer sehnen
„Die singende Muschel“
Francisca Stoecklins (1894-1931) Gedicht „Die singende Muschel“ entfaltet ein bewegendes Bild von Sehnsucht. Ausgangspunkt ist hier eine Kindheitserfahrung: Eine Muschel, die an das Ohr gehalten wird, lässt die Stimme des Meeres ertönen. Die Muschel „sang“ dem Kind das Meer.
Das lyrische Ich lauscht „träumelang“, ein Wort, welches die Zeit aufzulösen scheint. Zentral bleibt dabei die wachsende Sehnsucht. Sie „wuchs / und blühte schwer“ – ein paradoxes Bild, das Schönheit und Last zugleich trägt. Denn das Meer bleibt unerreichbar und doch macht gerade diese Ferne seine Anziehungskraft aus.

Die singende Muschel
Als Kind sang eine Muschel
mir das Meer.
Ich konnte träumelang
an ihrem kühlen Munde lauschen.
Und meine Sehnsucht wuchs
und blühte schwer,
und stellte Wünsche und Gestalten
in das ferne Rauschen.
Quelle: Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis heute: Gedichte und Lebensläufe
von Gisela Brinker-Gabler; Verlag: Anaconda
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