Ein poetischer Aufruf

ZUR SELBSTBESTIMMUNG

José Saramago (1922–2010), der portugiesische Literaturnobelpreisträger, ist vor allem für seine Romane bekannt. Doch auch seine Gedichte besitzen jene Kraft, die sein gesamtes Werk durchzieht: ein scharfes Bewusstsein für die Zerbrechlichkeit des Menschen und die Würde, die aus dieser Zerbrechlichkeit erwächst.

Das Gedicht Option stellt uns vor eine existenzielle Wahl. Die Bilder sind eindringlich und klar:

• Die „Wüste aus Ängsten und Schatten“ steht für die Leere, die Unsicherheit und das Gefühl der Verlorenheit, das jeder Mensch kennt.

„Fackel im Wind“ sind ein Bild der Verletzlichkeit, aber auch des Widerstands. Eine Fackel kann erlöschen, und doch leuchtet sie, solange sie brennt.

• Dem gegenüberstehen „der süße Reim“ und „die Zigarettenglut in deinen Fingern“. Beide sind Symbole für Anpassung und Verbrauchtheit: schön, gefällig, aber ohne Eigenständigkeit, letztlich ausgelöscht im Dienst eines anderen.

Saramagos Botschaft ist deutlich: Lieber ein unsicheres, eigenständiges Leben voller Risiko, als ein bequemes, fremdbestimmtes Dasein, das zwar „passt“, aber die eigene Essenz verliert.

Aufruf zur Selbstbehauptung

Dieses Gedicht spricht nicht nur von der Wahl in Extremsituationen, sondern auch von den kleinen Entscheidungen im Alltag:

• Stehe ich zu meiner Meinung, auch wenn sie aneckt?
• Wage ich einen Schritt, der unsicher ist, aber meiner Wahrheit entspricht?
• Oder bleibe ich lieber im Schatten, in einer Rolle, die andere für mich vorgesehen haben?

Saramago plädiert für die erste Option. Sie ist unbequemer, verletzlicher, aber sie ist die einzige, die uns wirklich lebendig macht.

Option
von José Saramago

In einer Wüste aus Ängsten und Schatten
Zu brennen als Fackel im Wind ist mir lieber,
Als der süße Reim deines Mottos zu sein,
Zigarettenglut in deinen Fingern.


Erschienen in: Über die Liebe und das Meer – Gedichte
Verlag: Hoffmann und Campe

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