Teil 10

DEUTSCHE RECHTSCHREIBUNG UND AUSSPRACHE 

 

Rechtschreibung, Aussprache und Sprachwandel im 20. und 21. Jahrhundert

In meinem heutigen Teil 10 der Reihe „Deutsche Sprache – Schöne Sprache“ befasse ich mich mit der Geschichte der Rechtschreibung und der Aussprache sowie dem Sprachwandel im 20. und 21. Jahrhundert. Dabei ist interessant, dass es bis ins 19. Jahrhundert im Deutschen keine einheitliche Rechtschreibung gab. Unterschiedliche Schreibweisen waren völlig normal: Man schrieb etwa Hülfe oder Sylbe statt Hilfe und Silbe, und auch Fremdwörter wie Medicin oder Canal kursierten parallel zu Medizin und Kanal.

Erst Konrad Duden brachte Ordnung in dieses Durcheinander. Mit seinem „Vollständigen orthographischen Wörterbuch“ von 1880 legte er den Grundstein für eine Norm, die 1901 auf einer Orthographischen Konferenz offiziell beschlossen wurde. Diese Regeln blieben fast ein Jahrhundert gültig, bis zur großen Rechtschreibreform von 1996.

Auch die Aussprache wurde Ende des 19. Jahrhunderts vereinheitlicht. Theodor Siebs veröffentlichte 1898 die „Deutsche Bühnenaussprache“, die für lange Zeit als Standard galt. Auf dieser Basis entstand das, was wir heute als „Hochdeutsch“ kennen.

Sprache im 20. Jahrhundert: Politik und Ideologien

Das 20. Jahrhundert brachte nicht nur technische und gesellschaftliche Umbrüche, sondern auch politische Extreme, die ihre Spuren in der Sprache hinterließen.

Im Nationalsozialismus nutzte die Propaganda gezielt Wörter, die nationalistische und rassistische Ideologien transportierten: Begriffe wie Rassenschande oder Arier prägten die Alltagssprache, während Euphemismen wie Endlösung oder Evakuierung die grausame Realität verschleierten. Auch Ortsnamen wurden „eingedeutscht“, um die Erinnerung an slawische Wurzeln zu tilgen. Sprachkritiker wie Victor Klemperer zeigten eindrücklich, wie das Regime die Sprache manipulierte, um Denken und Wahrnehmung zu steuern.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt auch die DDR ihre eigene Sprachpolitik. Wörter wie Plansoll, Neuererbewegung oder antifaschistischer Schutzwall waren Teil eines politischen Vokabulars, das eng mit der Ideologie verbunden war. Manche Begriffe verschwanden rasch wieder, andere blieben fest mit der Epoche verbunden. Selbst die gegenseitige Bezeichnung der beiden deutschen Staaten war ein sprachpolitisches Minenfeld: Während die DDR von „BRD“ sprach, mieden westdeutsche Medien diese Abkürzung bewusst, um die Eigenstaatlichkeit der DDR nicht anzuerkennen.

Rechtschreibreform: Ein heiß diskutiertes Thema

Schon lange nach 1901 wurde immer wieder über Vereinfachungen der Rechtschreibung nachgedacht. Ein radikaler Vorschlag aus den 1950er Jahren wollte sogar die Substantive kleinschreiben, doch das setzte sich nicht durch. Erst 1996 beschlossen Deutschland, Österreich, die Schweiz und Liechtenstein eine umfassende Reform.
Die Übergangszeit bis 2005 sorgte für viel Verwirrung: Plötzlich war dasselbe von das selbe zu unterscheiden, leid tun wurde zu leidtun und aus kennenlernen wurde kennen lernen. Zumindest vorübergehend. Viele Schriftsteller, Journalisten und Verlage wehrten sich heftig gegen die Änderungen. 2006 wurden einige besonders unpraktische Regeln zurückgenommen. Heute ist die reformierte Rechtschreibung weitgehend etabliert, auch wenn manche Zeitungen und Verlage ihre eigenen Hausregeln pflege

Sprachwissenschaft: Von der Geschichte zur Gegenwart

Während Sprachforschung im 19. Jahrhundert stark historisch geprägt war, verlagerte sich der Blick im 20. Jahrhundert zunehmend auf die Gegenwartssprache. Der Schweizer Linguist Ferdinand de Saussure unterschied erstmals klar zwischen langue (dem Sprachsystem) und parole (dem individuellen Sprechen). Seine strukturalistische Sichtweise prägte die moderne Sprachwissenschaft nachhaltig.

Entwicklungen im 21. Jahrhundert: Aussprache, Grammatik, Wortschatz

Auch heute verändert sich die deutsche Sprache stetig. Einige Tendenzen fallen besonders auf:

Aussprache:
Das rollende Zungenspitzen-r ist fast vollständig durch das Kehllaut-r ersetzt worden. Zudem verstummt das r nach einem a zunehmend: Jahr und ja klingen vielerorts gleich. Auch die Unterscheidung von Ähre und Ehre verwischt, weil das lange ä oft wie e gesprochen wird. So entstehen neue Homonyme, die früher klar getrennt waren.

Grammatik:
Im Konjunktiv II setzt sich die Umschreibung mit würde immer mehr durch: Wenn du kommen würdest klingt heute vertrauter als das traditionelle wenn du kämest. Auch das Plural-s hat sich stark verbreitet – von PKWs bis Handys. Es ist zwar grammatisch nicht immer nötig, aber eindeutig.

Wortschatz:
Neue Technologien, Trends und Lebensweisen bringen ständig neue Wörter hervor. Viele stammen aus dem Englischen: Computer, Job, Team, Comeback. Andere entstammen Jugendsprache oder Subkulturen, etwa cool, krass, spinnst du?. Die Vielfalt ermöglicht kreative Nuancen, so kann man sterben, entschlafen, versterben, das Zeitliche segnen oder einfach abkratzen.

Der Genitiv lebt weiter:
Trotz aller Prognosen hat der Genitiv überlebt. Wir sagen immer noch Petras Auto und es wird der Opfer gedacht. Beliebt ist er auch in festen Wendungen wie sehenden Auges oder stehenden Fußes.

Schlussfolgerung

Die deutsche Sprache ist ein Spiegel ihrer Zeit. Sie trägt die Handschrift von Politik und Gesellschaft, von technischen Neuerungen und von kulturellen Strömungen. Sie verändert sich langsam, aber unaufhaltsam.

Wer genau hinhört, entdeckt, wie lebendig und vielschichtig unsere Sprache ist. Und vielleicht ist das ihre größte Schönheit: Dass sie uns immer wieder neu herausfordert, unsere Welt in Worte zu fassen.

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