Berührende Worte
VON LEONHARD COHEN
Anthem (Hymne)
Leonard Cohens Lied Anthem – zu Deutsch „Hymne“ – ist wahrlich kein lockerer Song. Seine Worte stimmen nachdenklich. Cohen umschreibt den Verlust, die Unvollkommenheit und die unerschütterliche Hoffnung, die selbst in dunklen Zeiten bestehen bleibt.
In seinen Liedzeilen finden sich Bilder von Krieg, politischen Missständen und persönlichem Scheitern und ein Refrain taucht immer wieder auf. Er ist fast wie ein Gebet: Mach weiter, auch wenn es nicht perfekt ist.
Leonhard Cohen scheint uns mit seinem Lied aufwecken zu wollen. Er bittet uns, nicht zu verharren in dem, was vergangen ist, und uns nicht lähmen zu lassen von dem, was vielleicht noch kommen mag. Stattdessen sollen wir die Glocken läuten, die wir noch läuten können, egal, wie der Klang ist. Im übertragenen Sinne natürlich.
Der berühmteste Vers des Liedes – „There is a crack in everything – that’s how the light gets in“ – dringt als immer wiederkehrende Mahnung in uns. Denn gerade unsere Narben, unsere Verletzlichkeit oder die Hilflosigkeit können durch das „Hereinlassen von Licht“ zur Heilung führen und unser Leben verändern. Die Verse erscheinen wie ein Flehen, uns vom Perfektionismus zu verabschieden und das Unvollkommene willkommen zu heißen.
Anthem wirkt daher wie eine Mischung aus Trauerlied und Trostlied. Fast wie ein Gebet. Eben eine Hymne. Ja, es gibt Kriege, Ungerechtigkeiten und persönliche Niederlagen. Aber es gibt auch den unbeirrbaren Ruf, das zu tun, was wir tun können oder wollen, und zwar hier und jetzt in unserer eigenen, unvollkommenen Art.

Hier findest du einen Textauszug aus dem Original-Song:
ANTHEM
The birds they sang
At the break of day
Start again
I heard them say
Don′t dwell on what has passed away
Or what is yet to be
Ah, the wars they will be fought again
The holy dove, she will be caught again
Bought and sold, and bought again
The dove is never free
Ring the bells that still can ring
Forget your perfect offering
There is a crack, a crack in everything
That’s how the light gets in
We asked for signs
The signs were sent
The birth betrayed
The marriage spent
Yeah, and the widowhood
Of every government
Signs for all to see
I can′t run no more
With that lawless crowd
While the killers in high places
Say their prayers out loud
But they’ve summoned, they’ve summoned up
A thundercloud
They′re going to hear from me
Ring the bells that still can ring
Forget your perfect offering
There is a crack, a crack in everything
That′s how the light gets in
You can add up the parts
But you won’t have the sum
You can strike up the march
There is no drum
Every heart, every heart
To love will come
But like a refugee
Hier findest du den Textauszug ins Deutsche übersetzt:
Hymne
Die Vögel sangen
Im Morgengrauen
Fang nochmal an
Hörte ich sie krächzen
Verweile nicht bei dem
Was vergangen ist
Oder noch kommen wird
Ja, die Kriege werden
Weiter gehen
Die heilige Friedenstaube
Sie wird wieder eingefangen
Gekauft und verkauft
Und wieder gekauft werden
Sie wird nie frei sein.
Läute die Glocken, die noch klingen
Vergiss deine wohlfeilen Gaben
Da ist ein Riss, ein Riss in allem
Das ist der Spalt, durch den das Licht
einfällt
Wir fragen nach Zeichen
Die Zeichen wurden geschickt
Die Geburt verraten
Die Ehe erloschen
Ja, es ist ein Witwenstand
In jeder Form der Regierung
Zeichen, die wir alle sehen können
Ich kann nicht mehr fortlaufen
Inmitten der gesetzlosen Masse
Während die Mörder in den oberen
Etagen
Ihre Gebete lauthals plärren
Aber sie haben etwas heraufbeschworen
Einen Gewittersturm
Und sie werden noch von mir hören
Läute die Glocken, die noch klingen
Du kannst eins und eins
zusammenzählen
Aber die Summe wirst du nie ziehen
können
Du kannst zum Marsch aufrufen
Dazu bedarf es keiner Trommel
Jedes Herz, jedes Herz
Jedes liebende Herz wird herbeieilen
Wenn auch wie ein Flüchtling